Samstag, 23. Januar 2010

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Straßen wie diese (Heinrich Böll)

Durch Straßen wie diese führte mein Schulweg, 7 Jahre lang. Viele tausend Male bin ich durch solche Straßen gegangen, aber nie in sie eingedrungen. Erst viel später, in der Erinnerung begriff ich, was Straßen wie diese bedeuten. Ich begriff es, wie man plötzlich Träume begreift, wenn ich in fremden Städten stundenlang durch Straßen ging und eine wie diese suchte, aber nicht fand.

Diese Straßen sind wie die Wohnzimmer kinderreicher Sippen, in denen nach dem geschriebenen Gesetz der Vater das Oberhaupt ist, nach dem ungeschriebenen und wirksameren aber die Mutter. Das Leben verläuft anarchisch. Das heißt nach strengen Regeln, die alle ungeschrieben sind. Die Männer dürfen gelegentlich ihre Streitereien ausfechten, denn Eifersuchtsdramen heben das Ansehen der Frau. Aber es darf nicht zu ernst werden.

Blut ist ein kostbarer Saft, den man nicht gerne opfert. Am wenigsten gern auf Schlachtfeldern. Denn man weiß in diesen Straßen: Das Leben ist kurz. Es verläuft hier rascher als anderswo, und ist doch ähnlich unabänderlich. Wie bei einem Bagger, der den Flusslauf reinigt, weiß man nie, ist das Wasser welches die Schöpfräder hochbringen, immer dasselbe oder nur das gleiche Wasser.

Mädchen kreuzten meinen Schulweg, balgten sich am Straßenrand. Heute. Morgen, so schien es mir, waren sie schon junge Frauen. Übermorgen Mütter. In diesen Straßen wird man kein Backfisch. Und ich ging immer noch zur Schule, da brachten diese jungen Frauen schon ihre Erstgeborenen mit frisch geschnittenem Haar, sauber gebürstet, mit nagelneuen Ranzen und der prallen Tüte ans Schultor. Weinend taten sie es. Sie wussten, dass geschriebene Gesetze anfingen wirksam zu werden. Weinend taten sie es, denn die Träne ist der Preis für den Genuss und die Erkenntnis der Vergänglichkeit.

Streikende sah ich, rote Fahnen. Panzer fuhren auf und die Polizisten leiteten unseren Schulweg auf sichere Pfade um. Durch bürgerliche Straßen mit strengen, abweisenden Fronten. Leer waren diese Straßen. Nur selten einmal spielte dort ein Kind. Langweilig waren sie. Und ich war froh, wenn der Streik vorüber war und der Schulweg wieder durch heitere Straßen wie diese verlief.

Schmuggler sah ich, die der Polizei tausende von leeren Zigarettenschachteln vor ihrer Haustür an der Wand stapelten. Ganze Türme von Leergut, aus denen die gepanschte Ware schon längst verkauft war. Aber eines blieb immer gleich, 7 Jahre lang, 70, 700 Jahre: Der Karneval, der einfach ausbrach. Und im Rhythmus des Jahres, so wie die Patronatsfeste der Pfarreien fielen, Prozessionen und Kirmes. Goldene Lämmer aus Gips wurden von weiß gekleideten Mädchen getragen, rote Herzen Jesu, Lilien, barocke Laternen und auf roten Samtkissen: die golden Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz.

Viel später, in der Erinnerung erst, begriff ich, was das ist: ”VOLK”.

”VOLK” ist der älteste Adel mit den strengsten Gesetzen. Stolz und unnahbar. Jahrhundertelang oft wohnen ganze Sippen in Straßen wie dieser. Verbergen ihren Reichtum, verbergen ihre Armut, pflegen ihre Kranken, ihre Krüppel, in immer derselben Wohnung. Fremde werden aufgenommen, mögen sie Stanislaus, John oder Luigi heißen, Jan oder Sven.

Es gibt nur eine einzige Münze für Haben und für Soll, Treue und die Anerkennung der Gesetze, die nieder zu schreiben unmöglich wäre. Deren Größe und Härte in ihrer Ungeschriebenheit besteht. Das geschriebene Gesetz ist immer der Auslegung unterworfen. Ermessenstreit wird ausgefochten. Anwälte spitzen Zunge und Federn. Das Gesetz dieser Straßen kennt nur 2 Antworten auf die Frage: Schuldig? Ja oder nein! Schuldig, ein Mädchen sitzen gelassen zu haben, schuldig, der Sippe nicht den gebührenden Tribut gezahlt zu haben, schuldig, Verrat geübt zu haben.

Der Strafen gibt es viele: Von der Ächtung bis zu denen, die mit Messern vollstreckt werden. Wobei die Ächtung oft schmerzlicher den Schuldigen trifft, als der Denkzettel mit dem Messer. Es gibt Verweise, Mahnungen, es gibt Bewährungsfrist. Manchmal entzieht sich der Schuldige durch die Flucht, doch auch das geschieht selten. Denn wer in solche Straßen einheiratet, nicht immer vor Gesetz und Kirche - und doch gibt es keine Scheidung - weiß den Preis und entrichtet ihn.

Vielleicht wird nur in Straßen, wie diese eine ist, richtig gelebt. Heftig ist die Blüte der Frauen. Blumen im Haar und der Troubadour hängt, wenn er zu Besuch kommt, seine Mandoline neben das Muttergottesbild, vor dem die rote Lampe brennt. Heftig sind die Gefühle, Liebe und Hass, Mitleid und Härte und man hat ein Gefühl für Unmenschlichkeit und für das Lächerliche.

Niemals ist die SA frohen Mutes durch solche Straßen marschiert. Der Wurfgeschosse gibt es viele: Apfelsine, Blumentopf, Nachtgeschirr, und noch hat keiner den Panzer erfunden, gegen die Verwundung, die so rasch tötet: Das Gefühl, lächerlich zu sein. Man liebt Armeen nicht, denn man weiß, sie schleppen die Söhne fort. In die Wüste, in die Steppe, in Straßen wo sie auf ihresgleichen schießen müssen und von ihresgleichen erschossen werden. Und Armeen verderben die Töchter, versuchen sie aus dem Bereich der ungeschriebenen in den der geschriebenen Gesetze zu ziehen.

Straßen wie diese bilden sich nicht mehr neu. Wie alles, was heidnische Züge hat, sind sie an uralte Konventionen gebunden, und an den Ort, an die Lage. Sie sind nicht zu verpflanzen. Ihr Geist geht unter mit dem Ort, an dem sie lagen. Zum Glück haben einige von ihnen das Bombardement überdauert. Die leeren Fensterhöhlen sind wieder mit Glas und Gardinen, mit Blumen gefüllt. Frauen mit Säuglingen auf dem Arm stehen wieder in den Türen. Rote Samtpolster werden wieder durch die Strassen getragen. Mit den goldenen Symbolen für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz.

Diese Straßen können nur als Ganzes leben, nicht in Partikeln. Sie sind wie Pflanzenkolonien, die sich aus geheimen Wurzeln nähren. In ihnen lebt es noch, uralt, stolz, unnahbar und seinen Gesetzen treu: ”VOLK”

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