Mittwoch, 21. Juli 2010

Viel Wasser den Rhein runter

Wieder einmal muss ich mir eingestehen, dass mein Blog ein wenig einsam und verlassen vor sich hinweilen musste - allerdings ist dies auch eine Sache, die sich ändern muss. Turbulente, interessante, unschöne,aber auch eine ganze Menge tolle Momente haben sich in den letzten Wochen ereignet und boten mir gar kaum die Möglichkeit mal alles ein wenig zu ordnen, zu begreifen undgeschweige denn hier aufzuschreiben.
Beginnen möchte ich mit der letzten Klausur Ende Juni. Ein letzter Kraftakt, den wir alle stemmen mussten. Schön war das wirklich nicht und nach der Klausur fühlte ich mich nicht wirklich besser. Kopf noch weiterhin ziemlich voll und ein gutes Gefühl wollte sich bei mir zunächst auch nicht einstellen. Nun gut, in diesem Fall gibt es nur eine Alternative: GO CRAZY, BABY! Dementsprechend haben wir es uns auch gut gehen lassen an jenem Dienstag im Juni. Zunächst haben wir unsere Damen verabschieded, die als allerersten aus meinem IBA Jahr in Richtung Austausch nach Sydney aufbrechen sollten; danach noch kurzfristiger Abschuss mit wunderschönen Erinnerungen im RIVA.
Problem war nur: Der Zimmermann musste am nächsten Morgen um halb 11 in Amsterdam zum Coaching sitzen. Naja, war jetzt nicht der wachste Morgen und ich weiß auchnicht wirklich, was ich so alles von mir gegeben habe, aber Doris ist da zum Glück immer sehr mitfühlend und hat da gar nichts drum gegeben. Donnerstags noch ein Treffen mit Doris und Tobias, um ein bisschen das Mentor Programm zu schedulen, bevor es für uns alle mehr oder weniger in Sommerpause geht. Freitags noch kurz das Französisch Examen durchgezoppt und dann ab nach Hause. Samstags mit den altbekannten Bekloppten nach Oberhausen zu Ruhr in Love und versucht, ein wenig abzuzappeln nach dem ganzen Chaos. Das einzige, das aber wirklich zappelte war mein Schädel, der einfach die Eindrücke, Erkenntnisse, Sorgen und Gedanken der letzten Wochen nicht auf Seite schieben konnte. Abends noch kurz in Hönningen gewesen, sonntags dann das klärende Gespräch. Wirklich nicht leicht, aber es ist alles besser so - und dabei will ich's hier auch belassen.
Montags dann mit meinem Lieblingschaot ins Allgäu zum Wanderurlaub. Ich hatte die großeHoffnung, mir dort in der freien Natur einfach mal vernünftigGedanken machen zu können und alles das zu sortieren, das mir in den letzten Wochen und Monaten nicht gelungen war. Ich hatte mir zum Glück im Voraus gut sieben Bücher für den Sommer bestellt, die ich schon immer einmal lesen wollte. Von Dylan über Böll, Niedecken und Kerouac wirklich alles dabei. Niedecken ist es dann auch, der in seinem Song "Hundertmohl" mal wieder das ausdrückt, was sich so bei in letzterZeit ereignet hat:

Spürt: Mein Latein ist kurz vor dem Schluß,
weiß kaum noch weiter, doch ich muß,
mich, der Kassandrarufe so gerne überhört,
sich mit gottweißwas arrangiert,
öffentlich Eins-A funktioniert.
Mich macht etwas,
was ich nicht erklären kann, "bestuß"(verrückt).

Egal, ob Rotterdam, ob Wien,
bloß Bühnen kriegst du noch zu sehen.
Es kommt vor, daß du darauf im Ritual verflachst.

Der Urlaub war hervorragend und einfach einmal dafür gut, über andere Dinge nachzudenken, als über all das, was dich wochenlang schon beschäftigt hat. Wir kommen am Freitag wieder in Koblenz bzw. Linz an, wo mich die Hitze vollkommen überfällt. Schaue noch schnell das Spiel der Niederlande und dann ab ins Auto und wieder nach Holland. Ich hab's zur Zeit nicht so mit der Heimat, nicht nur Linz, sondern Deutschland ganz generell.
Zurück in Rotterdam beginne ich meine Bude zu ordnen, ich bereite das Praktikum vor, treffe mich mit vielen Freunden auf Kaffees und Abendessen und lebe einfach einmal eine Woche in den neuen Tag hinein ohne was zu planen. Gute Gespräche mit Menschen, von denen ich, wenn man mir das vor genau einem Jahr erzählt hätte, niemals geglaubt hätte, dass wir uns mal so nah stehen würden. Mein alter Herr hat mal wieder Recht gehabt: "Junge, du hast dir einen neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht - und irgendwann ist das nicht nur zum Studium so, sondern auch dein ganzes Leben wird sich neu orientieren" Tja, Papa, mal wieder. Danke!
In den folgenden Tage tingel ich weiter durch die Gegend, helfe vielen Freunden beim Resit-Lernen und genieße mein Leben. Dementsprechend spontan der Hitze aus Rotterdam gewichen und mit Chris an den Strand geheizt. Erste Überlegung war ja, dass es sicherlich nicht so anbieten würde, das WM Finale, sollte es denn NL-GER geben, in Rotterdam zu gucken. Also, grob geplant, wobei sich unsere Mannschaft dann leider doch nicht qualifizierte und mir so manche Gewissenskonflikte ersparte - erstaunlicher weise standen meine Sympathienmittlerweile zur Hälfte bei Oranje und zur anderen bei Deutschland. In Zeeland das Spiel um Platz drei gesehen, ein Fläschlei
n Wein getrunken und am Strand gelegen und dann zum Finale zurück nach Rotterdam.
Ich war Freitags noch extra orange T-Shirts und Schuhe kaufen. Zuunserem großen Glück erwischen wir Tim Ramsche, als wir versuchen, noch auf den großen Public Viewing Platz am Blaak zu kommen, der uns sagt, dass man diesen nun schließe, da alles voll sei und sie daher zum alten Hafen gingen. Wir also Tim, Lynette, und Co. hinterher. Treffen dort noch Redmar, einen meiner Mentees, und Jorinde mit ihrem Bruder. Naja, was soll ich sagen - wenn man die Niederländer so feiern sieht, bekommt man schon Minderwertigkeitskomplexe. Hat man doch zum Sommermärchen in 2006 die Fähnchen am Auto und den neuen Nationalstolz entdeckt, ist Holland schon so lange ich mich erinnern kann kollektiv bekloppt, sobald es um WM oder EM geht. Vor allem können sie sich auch feiern, wenn's auch mal daneben geht.
Da es leider am Sonntag abend dannnichts mit dem orangenen Traum gab, stand die Option, am Dienstag nach Amsterdam zur "Huldigung", also dem Empfang der Nationalelf, zu fahren noch ein wenig aus. Aber, das muss man einmal in seinem Leben mitgemacht haben. Also, mit Tim und Claudia in Amsterdam getroffen und uns unter die Oranjefans getaucht. Fantastisch. Dass mir nicht buchstäblich die Tränen runtergelaufen sind war alles - Gänsehaut. Zunächst haben wir uns die Grachtentour angesehen und haben es im Endeffekt doch noch auf den Museumsplein geschafft. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen. Ein Meer aus Orange und Party ohne Ende. Auf dem Heimweg nochunglaublich nett mit Claudia geplaudert und über Gott und die Welt philosophiert.
Mittwoch/Donnerstag in Düren und Umgebung für die Firma unterwegs, Freitag Vapiano Test mit Chris. Am Wochenende so langsam alles mal ein wenig aufgearbeitet, und vor allem Vorbereitungen für die Software-Ausrollung in Belgien getroffen. Unsere Australier haben inzwischen ihre Bleibe bezogen und dementsprechen auch wieder 24/7 Internet, was die Kommunikation trotz achtstündigem Time Shift nach vorne doch relativ einfach macht. Seit einigen Tagen haben sich Emails als Morning News eingependelt, die sowohl hier, als auch am anderen Ende der Welt für Schmunzeleien zum Frühstück sorgen.
Am Montag kam Ben für ein paar Tage hier an, der eine Klausur nachschreiben wollte. Wir haben unglaublich klasse Tage hier verbracht und jeden Tag bis spät in die Nacht geplaudert. Unglaublich, wie viel wir eigentlich gemeinsam haben, wie unterschiedlich und doch wieder ähnlich unsere Leben bisher verlaufen sind. Dementsprechend steht bald ein Gegenbesuch in Braunschweig an!
Jetzt versuche ich mir noch irgendwie den Kram für die letzte Klausur am Freitag reinzuballern, obwohl ich nicht wirklich viel Motivation verspüre. Das ist wohl immer das Schlimme, wenn man etwas freiwillig macht und eigentlich nicht muss. Wär aber schon eine klasse Erleichterung, wenn dieser Kracher nächstes Jahr weg wäre - es wird ja alles nicht weniger.
Nächste Woche geht es nach Belgien. Wird sicher sehr schön, aber auch anstrengend. Ich freue mich. Ansonsten muss das SR Magazin feritg werden, das ich layoute und dann steht ganz bald nur noch Strand und Bücher an.
Ich wünsch euch was, bess dehmnähx!
...,en kijk, Lies - een nieuwe post zit er in ;)
Euer
Björn

Mittwoch, 16. Juni 2010

Sonntag, 9. Mai 2010

Samstag, 24. April 2010

Samstag, 23. Januar 2010

Lesenswert,...

Straßen wie diese (Heinrich Böll)

Durch Straßen wie diese führte mein Schulweg, 7 Jahre lang. Viele tausend Male bin ich durch solche Straßen gegangen, aber nie in sie eingedrungen. Erst viel später, in der Erinnerung begriff ich, was Straßen wie diese bedeuten. Ich begriff es, wie man plötzlich Träume begreift, wenn ich in fremden Städten stundenlang durch Straßen ging und eine wie diese suchte, aber nicht fand.

Diese Straßen sind wie die Wohnzimmer kinderreicher Sippen, in denen nach dem geschriebenen Gesetz der Vater das Oberhaupt ist, nach dem ungeschriebenen und wirksameren aber die Mutter. Das Leben verläuft anarchisch. Das heißt nach strengen Regeln, die alle ungeschrieben sind. Die Männer dürfen gelegentlich ihre Streitereien ausfechten, denn Eifersuchtsdramen heben das Ansehen der Frau. Aber es darf nicht zu ernst werden.

Blut ist ein kostbarer Saft, den man nicht gerne opfert. Am wenigsten gern auf Schlachtfeldern. Denn man weiß in diesen Straßen: Das Leben ist kurz. Es verläuft hier rascher als anderswo, und ist doch ähnlich unabänderlich. Wie bei einem Bagger, der den Flusslauf reinigt, weiß man nie, ist das Wasser welches die Schöpfräder hochbringen, immer dasselbe oder nur das gleiche Wasser.

Mädchen kreuzten meinen Schulweg, balgten sich am Straßenrand. Heute. Morgen, so schien es mir, waren sie schon junge Frauen. Übermorgen Mütter. In diesen Straßen wird man kein Backfisch. Und ich ging immer noch zur Schule, da brachten diese jungen Frauen schon ihre Erstgeborenen mit frisch geschnittenem Haar, sauber gebürstet, mit nagelneuen Ranzen und der prallen Tüte ans Schultor. Weinend taten sie es. Sie wussten, dass geschriebene Gesetze anfingen wirksam zu werden. Weinend taten sie es, denn die Träne ist der Preis für den Genuss und die Erkenntnis der Vergänglichkeit.

Streikende sah ich, rote Fahnen. Panzer fuhren auf und die Polizisten leiteten unseren Schulweg auf sichere Pfade um. Durch bürgerliche Straßen mit strengen, abweisenden Fronten. Leer waren diese Straßen. Nur selten einmal spielte dort ein Kind. Langweilig waren sie. Und ich war froh, wenn der Streik vorüber war und der Schulweg wieder durch heitere Straßen wie diese verlief.

Schmuggler sah ich, die der Polizei tausende von leeren Zigarettenschachteln vor ihrer Haustür an der Wand stapelten. Ganze Türme von Leergut, aus denen die gepanschte Ware schon längst verkauft war. Aber eines blieb immer gleich, 7 Jahre lang, 70, 700 Jahre: Der Karneval, der einfach ausbrach. Und im Rhythmus des Jahres, so wie die Patronatsfeste der Pfarreien fielen, Prozessionen und Kirmes. Goldene Lämmer aus Gips wurden von weiß gekleideten Mädchen getragen, rote Herzen Jesu, Lilien, barocke Laternen und auf roten Samtkissen: die golden Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz.

Viel später, in der Erinnerung erst, begriff ich, was das ist: ”VOLK”.

”VOLK” ist der älteste Adel mit den strengsten Gesetzen. Stolz und unnahbar. Jahrhundertelang oft wohnen ganze Sippen in Straßen wie dieser. Verbergen ihren Reichtum, verbergen ihre Armut, pflegen ihre Kranken, ihre Krüppel, in immer derselben Wohnung. Fremde werden aufgenommen, mögen sie Stanislaus, John oder Luigi heißen, Jan oder Sven.

Es gibt nur eine einzige Münze für Haben und für Soll, Treue und die Anerkennung der Gesetze, die nieder zu schreiben unmöglich wäre. Deren Größe und Härte in ihrer Ungeschriebenheit besteht. Das geschriebene Gesetz ist immer der Auslegung unterworfen. Ermessenstreit wird ausgefochten. Anwälte spitzen Zunge und Federn. Das Gesetz dieser Straßen kennt nur 2 Antworten auf die Frage: Schuldig? Ja oder nein! Schuldig, ein Mädchen sitzen gelassen zu haben, schuldig, der Sippe nicht den gebührenden Tribut gezahlt zu haben, schuldig, Verrat geübt zu haben.

Der Strafen gibt es viele: Von der Ächtung bis zu denen, die mit Messern vollstreckt werden. Wobei die Ächtung oft schmerzlicher den Schuldigen trifft, als der Denkzettel mit dem Messer. Es gibt Verweise, Mahnungen, es gibt Bewährungsfrist. Manchmal entzieht sich der Schuldige durch die Flucht, doch auch das geschieht selten. Denn wer in solche Straßen einheiratet, nicht immer vor Gesetz und Kirche - und doch gibt es keine Scheidung - weiß den Preis und entrichtet ihn.

Vielleicht wird nur in Straßen, wie diese eine ist, richtig gelebt. Heftig ist die Blüte der Frauen. Blumen im Haar und der Troubadour hängt, wenn er zu Besuch kommt, seine Mandoline neben das Muttergottesbild, vor dem die rote Lampe brennt. Heftig sind die Gefühle, Liebe und Hass, Mitleid und Härte und man hat ein Gefühl für Unmenschlichkeit und für das Lächerliche.

Niemals ist die SA frohen Mutes durch solche Straßen marschiert. Der Wurfgeschosse gibt es viele: Apfelsine, Blumentopf, Nachtgeschirr, und noch hat keiner den Panzer erfunden, gegen die Verwundung, die so rasch tötet: Das Gefühl, lächerlich zu sein. Man liebt Armeen nicht, denn man weiß, sie schleppen die Söhne fort. In die Wüste, in die Steppe, in Straßen wo sie auf ihresgleichen schießen müssen und von ihresgleichen erschossen werden. Und Armeen verderben die Töchter, versuchen sie aus dem Bereich der ungeschriebenen in den der geschriebenen Gesetze zu ziehen.

Straßen wie diese bilden sich nicht mehr neu. Wie alles, was heidnische Züge hat, sind sie an uralte Konventionen gebunden, und an den Ort, an die Lage. Sie sind nicht zu verpflanzen. Ihr Geist geht unter mit dem Ort, an dem sie lagen. Zum Glück haben einige von ihnen das Bombardement überdauert. Die leeren Fensterhöhlen sind wieder mit Glas und Gardinen, mit Blumen gefüllt. Frauen mit Säuglingen auf dem Arm stehen wieder in den Türen. Rote Samtpolster werden wieder durch die Strassen getragen. Mit den goldenen Symbolen für Glaube, Hoffnung und Liebe: Kreuz, Anker und Herz.

Diese Straßen können nur als Ganzes leben, nicht in Partikeln. Sie sind wie Pflanzenkolonien, die sich aus geheimen Wurzeln nähren. In ihnen lebt es noch, uralt, stolz, unnahbar und seinen Gesetzen treu: ”VOLK”