Sonntag, 24. Mai 2009

Krafttanken

Dieses Westenschouwen fasziniert mich immer wieder. Zum einen habe ich tatsächlich wieder eine gewisse und nicht ganz unerhebliche Motivation, die letzten Wochen des laufenden akademischen Jahres hinter mich zu bringen, zum anderen habe ich aber auch wieder meinen Rhythmus gefunden. Heute morgen, 6 Uhr: wach. Ich war fassungslos und vollkommen begeistert. Kam ich doch die letzten Wochen morgen regelrecht mit dem Arsch nicht aus dem Bett, obwohl ich schon wesentlich früher ins Bett ging, als gewöhnlich, haben mit die paar Tage hier am Meer wohl doch mehr geben können, als erwartet.Man kann es sich wirklich nicht vorstellen, wie viel Ruhe und auch Kraft dieses bescheidene Fleckchen südlich von Rotterdam ausstrahlen. Apropros Strahlen - Die Sonne scheint wohl aus Spanien geflüchtet zu sein - hier ist traumhaftes Wetter. Ich bin natürlich prompt am Freitag nach dem Eintreffen gegen 13 Uhr nach einer schönen Motorradtour im Sönnchen mit meinem Makro-Buch eingepennt. Resultat: Pelz verbrannt - Konsequenz: nette Bräune. So mögen wir das.
Ansonsten genieße ich einfach nur das einfach Leben. Kein Trubel, kein Stress. Einfach gemütlich auf der Terasse sitzen, den Kaffeekonsum reduzieren und die Energie durch Substitutprodukte wie schwarzen Tee aufrechterhalten. Strandspaziergänge, Motarrad fahren über die Insel und Einkaufen im vollkommen von Bundesgenossen überlaufenen Supermarkt, nachdem mich drei Landsmänner fast mit dem Auto überrollt hätten. Da soll mir noch einmal einer erzählen, Rotterdam Süd sei gefährlich. Nun denn.
Gestern Abend hab ich seit Ewigkeiten mal wieder den Fernseher eingeschalten und bin auch noch gleich bei einer der Sendungen kleben geblieben, die mich eigentlich über die Jahre zum Fernseh-Hasse machten. Jedoch, diese "Die 25 emotionalsten Momente in Deutschland"-Sendung, war aus dem einen Blickwinkel wieder genau die selbe "wir machen aus allem einen guten Lacher"-Leier, die RTL seit der ersten Ausstrahlung der "ultimativen Chartshow" auf jedes neue Konzept projiziert, aus dem anderen allerdings auch tiefgehender. Ich möchte nicht sagen tiefgründiger, aber tiefgehender. Die meisten der 25 Momente lagen jenseits der Zeit, die ich miterlebt habe, bzw. die ich bewusst miterlebt habe. Es verdeutlichte mir allerdings auch, welche schnelllebige Zeit die BRD in den letzten 60 Jahren miterlebt hat - und wir alle inbgriffen. 6o Jahre Verfassung, 60 Jahre souveräner Staat. Eine Menge Leid, harte Arbeit, aber auch Momente des Glücks. Ich bin jedes Mal von mir selbst überrascht, wenn mir urplötzlich die Tränen in die Augen schießen und mein ganzer Körper einer Gänsehaut gleicht, wenn ich z.B. Genschers Worte höre: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise,..." und dann ist Feierabend. Wahnsinn. Ich war grad 1 1/2 Jahre alt, aber irgendwie ist es dann doch ein Gefühl des Glücks, erst Recht, wenn man die Bilder des Mauerfalls sieht, "Wind of Change" hört und die ganze Schimpferei über die Millionen, die die Wiedervereinigung verschluckt hat, doch wieder vergisst. Neben der Landshut-Entführung und der Hamburger Flutkatastrophe gab es aber einen Moment, der mich persönlich noch intensiver bewegte.
Auf den vorderen Rängen tendierte quasi die "Verabschiedung" von Rudi Carrell. Tja, was habe ich genau mit diesem Mann zu tun? Eigentlich nicht viel mehr, als mit jedem anderen Prominenten auch... Man kennt sie aus dem Fernsehen, man meint, sich für Ihr Leben interessieren zu müssen, aber im Grunde genommen kennt man nur ein projiziertes Bild, das man von Ihnen aufschnappt.
Ich weiß nicht mehr, wo her wir kamen und in Köln Hbf aus dem ICE ausstiegen, als ich quasi Rudi Carrell in die Arme lief. Ich war vielleicht 13 Jahre alt, oder 14, nicht viel mehr. Ich natürlich hin - was macht man? Autogramm. Er war einfach nur nett. Wir fuhren zusammen die Rolltreppe herunter, er machte sogar noch Witzchen, ich sollte doch seinen Koffer gut festhalten auf der Treppe während er das Autogramm schrieb, da wären die anderen der 7 Köpfe drin. Und dann steht er da gestern auf der Bühne, gezeichnet von seiner schweren Krankheit, ca. 10 Tage bevor er verstarb und nahm die goldene Kamera für sein Lebenswerk entgegen. Mit Würde, Humor und seiner Eigenart, die Deutschland über Jahrzehnte bewegt und unterhalten hat.
Der bemerkenswerteste Satz in meinen Augen war: "Es war eine Ehre in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen". Schon erstaunlich, wie er selber sagt, ein Holländer in Deutschland mit solche einem hohen Beliebtheitsgrad. Auch er, ein Botschafter.
Umso mehr ich sah, gestern Abend, umso mehr wurde mir wieder unser Identitätsproblem bewusst. Da taucht die WM2006 auf. Deutschland im Fahnenmeer. Ich meinem Kopf singt Wolfgang Niedecken von der WM1990: 
"Wo mer och hinluhrt: Nur noch Deutschland. Su penetrant, wie ich et noch nit kannt - als jööv et sons nix mieh! En Zeidung, Fernsehn un em Radio, em Bus un ahn der Wand vum Männerklo – als jööv et sons nix mieh! Mir sinn Nabel der Welt, nur ahm Tellerrand hällt uns Phantasie. Kei Jewesse mieh quält. Deutscher Fleiß un deutsch Jeld – sons zällt janix mieh. Denn mer sinn widder wer zweschen Alpe un Meer un vum Rhing bess zur Oder ... wie lang nit mieh! Mir sinn fürchterlich stolz, schwenke schwazz, ruut un jold, singe Hymne su laut ... wie lang nit mieh! Deutsch-besoffe vüür Glöck, keine Bleck mieh zoröck. Nur noch vörrahn, wie Panzer ... wie lange nit mieh!"
Schön finde ich aber, dass man seit 2006 auch wieder ein bisschen mehr stolz darauf sein kann, oder sich zumindest nicht mehr ganz so schuldig fühlt, wenn man behauptet, stolz auf Deutschland, oder noch viel schlimmer, stolz, ein "Deutscher" zu sein. Selbst ich ertappe mich dann doch wieder, "Deutscher" in Anführungszeichen zu setzen. Unglaublich. Da fühl ich mich mit Europäer aus Deutschland irgendwie wohler. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

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