Da geht sie nun los, meine Reise ins gut Bekannte, nach Zeeland. Nach einem tollen Tag in der City mit Michael, der leider nur ein wenig durch das neblige Wetter überschattet wird, mache ich mich auf, ein wenig Seeluft zu schnappen, Kraft für die letzte Runde zu tanken und - leider - auch etwas zu schaffen. Jedoch ist dies in ländlicher Atmosphäre doch wesentlich einfacher und auf der Terasse arbeitet es sich doch wesentlich besser als im stickigen Studentenkabuff.
Wo startet jede Reise? Am Zuidplein in Rotterdam. Eine riesengroße Menschentraube sthet schon bereit, in jedem Moment den Bus zu entern, der sie aus der Großstadt in den Süden bringen soll. Egal, ob Urlaub, Heimreise von Arbeit/Studium oder auch nur zum Partner. Erwartungsgemäß wird es picke packe voll. Als Zimmermann - man hat sich so langsam an den Rang des letzten gewöhnt - trabt man gemütlich hinterher, als niemand mehr am Bussteig zu sehen ist. Im Zuge meiner neuen Lebensphilosophie, die nebenbei bemerkt auch mittlerweile schon ein halt Jahr alt ist, rege ich mich nicht auf, sondern versuche, das Positive an der Tatsache, dass ich nun ganz vorne stehe, zu sehen. Das Endergebnis: Eine Kolumne, die man glatt als demographische und soziologische Untersuchung an das CBS senden und gleichzeitig der NYT verticken könnte:
So stehe ich hier also, in einem vollkommen überlaufenden Bus, vollgeladen mit allerlei Gestalten, die auch aus irgendeinem Grund aus Rotterdam heraus in die grobe Richtung Süden fahren. Als Zimmermann, bekanntermaßend grundsätzlich letzter im Alphabet, steige ich zum Schluss ein und erlange die große Möglichkeit, mir den ganzen Bus in Ruhe eine dreiviertel Stunde anzusehen.
Da sitzt sie, die Studentin, mit nix was am Hut. Kein Platz mehr frei, also setzt man sich auf den Stapel mit den "Spits" Zeitungen, die umsonst in jedem öffentlichen Verkehrsmittel der Niederlande ausliegen. iPod im Ohr, Handy, der altbekannte Lieblingsknochen der Holländer, in der Hand und fleißig am SMS schreiben. In der vierten Reihe sitzt ein erstbester Paris Hilton-Verschnitt, die mit ihrem Lieblingsknochen am Ohr wahrscheinlich gerade durch ihren Lustknochen am andern Ende der Leitung zum Lachen gebracht wird und sich dabei stilvoll auf die Lippe beißt. Auf der anderen Seite sitzt die typische niederländische Rentnerin. Gut gelaunt, immer zu einem Kläfchen aufgelegt, erzählt sie gerade dem netten Herren neben ihr irgendeinen Stuss, der ihn offensichtlich eher entnervt, als erheitert.
In der letzten Reihe sitzen erwartungsgemäß fünf Mädels, die entgegengesetzt ihres Verhaltens, anhand ihrer OV Karten als Studentinnen zu identifizieren sind. Was passiert auch zwischen Barendrecht und Oude Tonge, wenn fünf Mädels aufeinander hängen und ein überfüllter Bus sie umgibt. Dumme Blicke und lautes Gegacker. Die junge Dame mit den dunklen Locken weiß nicht recht, wo sie hingucken soll, während sie lauthals telefoniert und die Blonde mit dem typischen organgen Bratpfannengesicht knutscht ihren Kastenfrosch-artigen Freund.
Inzwischen hat Paris das Handy vom Ohr gelegt und begafft angewiedert den älteren Herren mit der Wolfgang Niedecken-Matte, der sich gerade eine after-work-Büchse Heineken zischt. Die Blicke kreisen umher und man merkt eindeutig, wie schnell ihr anscheinend das lustvolle Grinsen der letzten Minuten in Windeseile vergeht. Wahrscheinlich schiebt sich gerade ein lockiger, nach Bier-Bäuerchen stinkender Schleier über den Kerl, der sie noch vier Minuten zuvor am Hals küsste. Wiederentdeckt habe ich auch die typische dunkelhaarige Party-Holländerin. Akkurat gekleidet, die Sonnenbank-Bräune sitzt, schiebt sie sich ihre Haarsträhne hoch frequentiert zur Seite, während sich ihre typischen Halbmondartigen Mundwinkel nur leicht vom Kaugummikauen in eine annähernd freundliche Position schieben lassen.
Neben mir entdecke ich im gleichen Moment ein Doppelpack Snobs, die schöngeleckt, breitbeinig mit ihren von Kinderhand gegerbten Mokkasins so ihren Häschen zu imponieren versuchen, dass der Großkotz schon fast an der nächsten Ampel von alleine winkt.
Die Sonne kommt raus über dem Meerarm, die Mädels im Hintergrund lachen. Die Damen um Nuschel-Wolfgang amüsieren sich köstlich, während er sich irgendetwas in seinen Bart und die Bierdose murmelt. Die Bratpfanne klopft in Gedanken schon die Schnitzel für den Liebsten breit, als wir die Brücke verlassen. Gleichzeitig kann man einen jungen Mann entdecken, dessen Nervosität sich nicht nur durch häufiges Augenzwinkern, sondern auch durch Nasenzucken äußert. Der Soldat beobachtet aufmerksam das Geschehen, ist aber offensichtlich vollkommen in Gedanken versunken. Vielleicht gehen ihm die Schlagzeilen, die bei der Studentin auf der "Spits" heute stehen nicht aus dem Sinn.
Die Snobs wedeln mittlerweile schon mit dem goldenen Glanz ihrer Portemonnaies. Hoffentlich sind es keine amerikanischen Kreditkarten, Jungs. Die kommen zur Zeit nicht so gut.
Der Bus stoppt. Menschen steigen aus. Die Oma hat einen neuen Sitznachbar. Ein etwa 17-jähriger Bursche darf sich jetzt die nächste Story anhören. Auch ihm scheint die Sonne aus dem Arsch, während sich Paris gemütlich den Mantel aufknüpft, die andere Sonne genießt und sich sinnlich durchs Haar fährt.
Das Partyluder ist mittlerweile auch schon wieder am Telefon, stellt aber anscheinend fest, dass der Kaugummi bald so was von durch ist, sodass sie beschließt, die unterbanspruchten Mundwinkelmuskeln ein wenig zu betätigen und schickt sogar ein Lächeln durch den Bus. Wow, genau so kennt man sie eigentlich.
Paris lässt die Haar schnell wieder fallen, als sich Matte unter den Achseln kratzt und mir der richtige Wolfgang ins Ohr singt: "wenn ich he die Abfahrt nöm, keine Stau mieh köm, wör ich morje fröh doheim".
Ich muss leider aussteigen. Werfe Paris und dem Luder noch einen kurzen Blick zu, sie scheinen auch nur nach Hause zu wollen. Die Hühner sind schon vor einer Station ausgestiegen und die Snobs bleiben Gott sei Dank sitzen. Davon habe ich den ganzen Tag genug. Die Bratpfanne packt ihre Zwiebel ein und langt auf dem Bussteig noch einmal ordentlich zu. Die Spits Studentin fährt weiter mit mir, auch eine ganz unauffällige hell-blau-äugige junge Dame. Schon interessant, was man alles so entdeckt, wenn man mal die Augen ein wenig aufmacht. Was werden andere wohl gesehen haben? Einen glücklichen IBA-Student aus Linz? Auszuschließen ist es sicherlich nicht.
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